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12
Sep
2006

Dekadenz

"Die Gesellschaft, wenigstens die zivilisierte Gesellschaft, ist nie sehr geneigt, zum Nachteil derer etwas zu glauben, die zugleich reich und interessant sind. Sie fühlt instinktiv, daß das Benehmen wichtiger ist als die Moral, und nach ihrere Meinung ist die höchste Ehrbarkeit von geringerer Bedeutung als der Besitz eines guten Küchenchefs. Und schließlich ist es in der Tat ein schwacher Trost, wenn man erfährt, daß der Mann, der einem ein schlechtes Diner oder miserablen Wein vorgesetzt hat, in seinem Privatleben tadellos darsteht."

Gute Gesellschaft ist nämlich Kunst, und gute Absichten sind langweilig. Und kalte Entrees unverzeilich. Wem diese Maximen nichts sagen, wer sie nicht in Tiefe wie Breite mitempfindet, der sollte sich besser mit niederen gesellschaftlichen Positionen abfinden.

Nachweis: Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray. Deutsch von Hedwig Lachmann und Gustav Landauer. Mit einem Essay von Norbert Kohl, Frankfurt am Main: Insel Verlag, 1985 (= it 843; 9. Druck 1997), S. 185f. Original von 1890.

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