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amor y desencanto

Texaner in Laos

"Zurück in der Hauptstadt Vientiane sahen wir am Flughafen den Texaner wieder. [...] Als er auf die Flughafentoilette ging und sein Gepäck unbeaufsichtigt ließ, falteten meine Begleiterin und ich rasch ein paar Papiertütchen, schrieben dann mit schwarzem Edding »This contains Heroin. Please arrest me« drauf und schoben die Tütchen in die Seitentasche seines Handgepäcks. Dann standen wir auf, gaben unsere Bordkarten ab und setzten uns in den Airbus nach Bangkok."

Da lebt Christian Kracht nämlich meistens. Und ein Scherzkeks mit extrem gutem Geschmack ist er. Auch wenn man manchmal unter der Oberfläche seiner betont oberflächlichen Schilderungen manchmal nichts findet. Außer dass - wie bei meinem Unlieblingsfilm Lost in Translation zu beobachten - westliche Ausländer (und Chinesen in seinem Fall) sich überall gleich verhalten und mitunter aus dem Rahmen fallen. Wie der arme Texaner.

Nachweis: Christian Kracht, »Danger Who Love (Laos 1999)«, in: ders., Der gelbe Bleistift, Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2000 (5. Auflage 2001), S. 47-50, hier: 51.

Vor der Datenautobahn

"Der Telegraphist zählte die Buchstaben. Der Doktor achtete nicht auf ihn. Ihn fesselte ein neben dem Taster aufgeschlagenes dickes Buch. Er fragte, ob es ein Roman sei.
»Die Elenden, Victor Hugo«, telegraphierte der Telegraphist. Er versiegelte die Kopie des Telegramms und kam mit dem Buch wieder zum Schalter zurück. »Ich glaube, mit dem reichen wir bis Dezember.«
Doktor Giraldo war seit Jahren bekannt, daß der Telegraphist in seinen freien Stunden der Telegraphistin von San Bernardo del Viento Gedichte telegraphierte. Aber er hatte nicht gewußt, daß er ihr sogar Romane vorlas.
»Das ist schon was Ernstes«, sagte er, in dem abgegriffenen Wälzer blätternd, der in seiner Erinnerung verworrene Jünglingsgefühle weckte. »Alexandre Dumas wäre geeigneter.«
»Ihr gefällt aber dieses«, erklärte der Telegraphist."


Kennen tun sich die beiden nicht. Der Telegraphist lebt in einem namenlosen Dorf an der kolumbianischen Karibikküste, und die Telegraphistin auch (in ihrem gibt es aber schöne Strände, in seinem nur einen Fluss mit stinkendem Kuhkadaver). Beide sind ein schönes Beispiel dafür, wie Gabriel García Márquez es schafft, inmitten von Gewalt, Misstrauen und gesellschaftlicher Verrottung magische Momente zu schaffen, die Hoffnung machen trotz der allumfassenden, zutreffenden Untergangsstimmung, die auf dem Dorf lastet.

Nachweis: Gabriel García Márquez, Die böse Stunde. Aus dem Spanischen von Christiane und Kurt Meyer-Clason, Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2. Auflage 2002 (des KiWi-Taschenbuch 739), S. 114 (Original La mala hora von 1974, deutsche Erstausgabe 1979).

Einfach schön.

"Bei dir ist es leicht. Ich glaube, ich könnte dir alles sagen, was mir durch den Sinn geht und ins Herz kommt. Auch wenn ich nicht sicher wäre, ob es richtig ist. Weißt du, was mit in diesen Tagen passiert ist, Baudolino? Ich habe von dir geträumt. Wenn ich morgens aufgewacht bin, habe ich gedacht, das wird ein schöner Tag, weil du irgendwo in der Nähe warst. Dann habe ich dich nicht gesehen und dachte, der Tag wird häßlich. Es ist seltsam, gewöhnlich lacht man, wenn man glücklich ist, und weint, wenn man leidet, aber mir passiert es neuerdings, daß ich im gleichen Augenblick lache und weine. Bin ich vielleicht krank? Dann ist es jedoch eine wunderschöne Krankheit. Ist es recht, seine eigene Krankheit zu lieben?"

Hypatia zu Baudolino.

Nachweis: Umberto Eco, Baudolino, übersetzt von Burkhart Kroeber, München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2003, S. 534.

So nicht.

"Und ich hatte das Gefühl, nur einen Augenblick lang, als alle Lichter brannten und Warren Miller vor mir saß und schwer atmete, mit einem Atem, der nach Wein roch und nach dem, wonach Warren Miller sonst noch roch, daß ich mich in einem Traum befand, der weiter gehen würde und aus dem ich vielleicht nicht mehr erwachen würde. Plötzlich war mein Leben dies hier geworden, nicht schrecklich, aber auch nicht so, wie es einmal gewesen war."

Joe Brinson ist 16, sein Vater hat gerade seinen Job als Golflehrer verloren und hat sich aufgemacht in die Berge, um einen großen Waldbrand löschen zu helfen. Seine Mutter hat sich einem anderen Mann, dem Unternehmer Warren Miller, angenähert, und ihren Sohn dorthin mit zum Abendessen genommen. Und hat viel getrunken und ist deshalb gerade auf der Toilette.

Nachweis: Richard Ford, Wildlife. Wild leben, übersetzt von Martin Hielscher, Frankfurt am Main: S. Fischer, 1991, S. 90.

Michelangelo aß keine Vitamine

"In Florenz hätte ich mich verstecken sollen, wenn es mit nur rechtzeitig eingefallen wäre. Michelangelo hat von Brot, Wein und Käse gelebt. Das war vor der Erfindung der Vitamine."

Eine meiner Lieblingspassagen in einem trotz der Weltflucht und labilen psychischen Verfassung der Erzählerin z.T. erstaunlich originell-amüsanten Buch.


Nachweis: Brigitte Schwaiger, Wie kommt das Salz ins Meer?, Wien - Hamburg: Paul Zsolnay, 1977, S. 43.

When you don't mean it

"It was not her fault that when he went to her he was already over. How could a woman know that you meant nothing that you said; that you spoke only form habit and to be comfortable? After he no longer meant what he said, his lies were more successful with women than when he had told them the truth."

Denkt Harry, der am Bein verletzt und ohne medizinische Versorgung mitten in Afrika herumliegt und formal auf Rettung wartet, tatsächlich aber die ständig herumstreunende Hyäne beobachtet, die ihm täglich näher kommt.

Ernest Hemingway, »The Snows of Kilimanjaro«, in: ders.: Selected Stories, Составителъ, автор прдисловия и литературоведческих справок И. Л. Фцикельщейи (oder so ähnlich), Moscow: Progress Publishers, 1971, S. 272-302, hier: S. 281.

Gute Gründe, nicht zu sterben

"Después de muchos años, llegarás a ser una viejita muy regañona pero siempre muy respetable, y cuando la gente te vea pasar, dirán con respeto señalándote: Esa es la viuda del héroe y tú más orgullosa resignada y confortada con mi recuerdo y siempre protegida por Dios y cuidando de nuestra ilustre prole."

Das schrieb Eloy Alfaro, ein anderer ecuadorianischer Präsident, prägend in den Jahrzehnten nach García Moreno und ganz anderer, sehr liberaler Prägung, an seine Frau Ana Paredes Arosemena in Panama (wo seine Frau geboren war und beide sich in 20 Jahren Exil eine Exitenz aufgebaut hatten), als diese sehr krank war und zu sterben fürchtete.

Nachweis: Brief von Eloy Alfaro an Ana Paredes Arosemena (de Alfaro), Datum unbekannt. Der Text wurde mir von meiner Freundin per Email übersandt.

Sex bei Sorokin

"- Aaach...
- Haaa...
- Aaach...
- Haaa...
- Aaaaach ... aaaaach... mein... Klei...ner...r....
- Haaa...
- Aaaaach...
- Haaa...
- Aaaaach..."


Und so geht das seitenweise, nachdem Vadim sich vor dem Regen in die Wohnung von Ljuda geflüchtet hat. Und sein Warten in der Schlange nimmt auch noch ein märchenhaftes Ende.

Nachweis: Vladimir Sorokin, Die Schlange. Aus dem Russischen von Peter Urban, Zürich: Hafmans, 1990, S. 240.

Universelle Weisheiten (Über indische Liebhaber des 3. Jh. v. Chr.)

"Wer zum Zeitpunkt der Vereinigung in der Liebe gleichgültig und von geringer Manneskraft ist und Wunden (durch Nägel und Zähne der Frau) nicht verträgt, ist von geringem Temperament.
Dazu stehen im Gegensatz die Mittleren und Feurigen. So sind auch die Partnerinnen (zu klassifizieren)."


So [spricht] Vātsyāyana.

Nachweis: Mallanāga Vātsyāyana, Das Kāmasūtra. Aus dem Sanskrit übersetzt und herausgegeben von Klaus Mylius, Stuttgart: Reclam, 1999, Zweiter Hauptteil, Erstes Kapitel, Abschnitt 5f. (also in der vorliegenden Ausgabe: S. 53).

Weit auseinander, damit die Nachwelt was davon hat

"Knipper und Čechov waren während ihrer kurzen Ehe nur selten verein (sie stan in St. Petersburg auf der Bühne, er fror sich in Jalta einen ab), und Malcolm scheint hier mit einem gewissen Bedauern anzudeuten, dass berühmte Männer und Frauen, die in konventionellen Beziehungen lebenm die Biographen wertvollen zukünftigen Quellenmaterials berauben, weil sie keine Veranlassung haben, einander zu schreiben."

Nick Hornby ist da weniger traurig. Er hat sich beim Lesen von Tschechows Briefen ziemlich gelangweilt und findet es darüber hinaus noch wenig amüsant, dass der große Dichter sich über die Pinkelgeräusche seiner Frau ausließ. Er verlangt gar aufgrund dieser Erfahrung und den süßen Kosenamen der Tschechows nach einem Gesetz, das festlegt, dass berühmte Paare mindestens 365 Tage im Jahr zusammen verbringen müssen, damit der Nachwelt ihre Privatkorrespondenz mangels Existenz vorenthalten bleibe.

Nachweis: Nick Hornby, Mein Leben als Leser, Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2005 (= KiWi 896), S. 147. Das Buch von Janet Malcolm (Reading Chekhov) und eine Diogenes-Ausgabe von Tschechows Briefen ist oben jeweils amazon-verlinkt.
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