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memoria y olvido

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"Miep erzählt all diese Gräuelgeschichten so ergreifend und ist selbst ganz aufgeregt dabei. Erst neulich saß zum Beispiel eine alte, lahme jüdische Frau vor ihrer Tür und musste auf die Gestapo warten, die weggegangen war, um ein Auto zu holen, um sie abzutransportieren. Die arme Alte hatte solche Angst vor der Schießerei auf die englischen Flugzeuge und auch vor den grellen, flitzenden Scheinwerfern. Trotzdem wagte Miep es nicht, sie ins Haus zu holen, das würde niemand tun. Die Herren Deutschen sind nicht zimperlich mit ihren Strafen."

Nachweis: Anne Frank, Tagebuch. Fassung von Otto H. Frank und Mirjam Pressler (ergänzte Ausgabe), Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, 2001, S. 65 (Eintrag zum 9. Oktober 1942).

In die DDR

"Wir betraten ein quadratisches Zimmer mit einem Schreibtisch neben einem Tresor, mit vier Stühlen um einen kleinen Tisch mit politischen Propagandabroschüren und einem Waschgestell und einem Bett an der Wand. Über dem Bett ein Porträt des Sekretärs der Kommunistischen Partei von Ostdeutschland, das aus einer Zeitschrift ausgeschnitten war. Der Direktor setzte sich mit den Pässen an den Schreibtisch. Wir setzten uns auf die Stühle. Ich erinnerte mich an die Dörfer in Kolumbien, an die Amtsgerichte, wo sich am Tage nichts tut, die aber nachts für die im Kino verabredeten Stelldicheins dienen. Jacqueline schien beeindruckt."

Gabriel García Márquez, eine französische Layouterin und ein italienischer Gelegenheitskorrespondent reisen im Juli 1959 in die DDR. Sie kommen spät an. Das beschriebene quadratische Zimmer dient als Büro des Zolldirektors. Später schildert García Márquez den Irrsinn eines Berlins, in dem auf der Ostseite der offizielle Wechselkurs von zwei Mark für einen Dollar galt, auf der Westseite aber für einen Dollar 17 Ostmark zu erhalten sind. Mit ihrem billigen Geld reisen sie dann nach Leipzig, anhand dessen Gabo in einem "Die Enteigneten treffen sich, um einander ihren Kummer zu erzählen" betitelten Kleinod die sozialistische Gesellschaft auf sehr schöne Art inspiziert: "Die Revolution", sagten uns die Marxismusstudenten, "ist nicht in Deutschland gemacht worden. Sie wurde in einem Koffer aus der Sowjetunion mitgebracht und hier abgestellt, ohne das Volk zu berücksichtigen."

Nachweis: Gabriel García Márquez, »Der "eiserne Vorhang" ist ein rot und weiß gestrichener Balken«, in: ders.: Zwischen Karibik und Moskau. Journalistische Arbeiten 1955-1959. Deutsch von Hildegard Moral, Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1986 (= KiWi 107), S. 87-99, hier: 91f. sowie »Die Enteigneten treffen sich, um einander ihren Kummer zu erzählen«, ebd., S. 105-116, hier: 113.

Undankbarkeit ist relativ

"Bueno, en el fondo le digo un secreto: Buenos Aires puede pasarse sin un monumento mío, que a mí, francamente, no me importa. No se amargue por la ingratitud de los demás, que los demás son así."

Sagt eine obdachlose alte Analphabetin zum exilierten Ex-Präsidenten von Ecuador, als er sich darüber beschwert, dass die Militärs ihn vom Thron gestoßen haben und die ecuadorianische Nation angesichts der vielen Straßen, Brücken und guten Werke, die er seinem Land gegeben habe, sehr undankbar sei. Und darüber, dass einige "sophistische" Schriftsteller in seiner Heimat auch noch so infam seien, zu behaupten, er werde "ohne Werk und Ruhm in die Geschichte eingehen".

Nachweis: Francisco Febres Cordero, »La novia que espera«, in: Alfonso Monsalve Ramírez (Hg.), Aventuras de amor en nuestra historia, Quito: Campaña Nacional Eugenio Espejo por el Libro y la Lectura, 2002 (2. Auflage; colección »luna tierna«), S. 15-29, hier: 24.

Gleichsam beseelt

"Her Majesty the Queen of the United Kingdom of Great Britain and Ireland, and His Majesty the Emperor of the French, being equally animated with the desire to draw closer the ties of friendship which unite their two people, and wishing to improve and extend the relations of commerce between their respective dominions, have resolved to conclude a Treaty for that purpose, and have named as their Plenipotentiaries, that is to say:"

Und dann schlossen Sie, vertreten durch ihre Unterhändler Henry Richard Charles Earl Cowley und Richard Cobden, Esq., bzw. Jules Baroche und Eugene Rouher, am 23. Januar 1860, vor 146 Jahren, den heute sog. Cobden-Chevalier-Vertrag, dessen eigentlicher Vater, Michel Chevalier, nicht offiziell als Bevollmächtigter an den Verhandlungen teilnahm.

Spannend an obigem ersten Satz des Vertrags finde ich die Idee, zwei Monarchen wie Queen Victoria und Napoleon III. könnten tatsächlich gleichartig von einem Wunsch beseelt sein, auch wenn es sich dabei natürlich nur um eine Floskel handelt.

Nachweis: »Treaty of Commerce between France and Great Britain, signed at Paris, 23 January 1860«, in: Clive Parry (Hg.), The Consolidated Treaty Series, Vol. 121, Dobbs Ferry, NY: Oceana, 1969, S. 243-267 (plus Anhänge), hier: S. 244. Dorthin entnommen aus British and Foreign State Papers vol. L, p. 13.

Ach ja, Zufallsfund: Der Cobden-Chevalier-Vertrag bei Karl Marx.

Die Nazis und die Arbeitslosen

"Although the attempt to reduce the unemployment statistics by substitute employment and campaigns to remove workers from the register had a limited success between 1933 and 1935, it explains only a small part of the decline [in unemployment, chglk.]. Those on labour service or in Landhilfe worked sometimes for only a few month and then returned to look for regular paid work, so that there was always a gap between official establishment figures and the actual number on the proyects."

Die Beschäftigungsprogramme der Nazis nach 1933 hatten also nur eine sehr geringe Wirkung, gerade beim Arbeitsdienst und in der Landhilfe verdienten die Leute i.d.R. weniger als die (ohnehin geringe) Arbeitslosenunterstützung, und das noch oft in Gutscheinen/Wertmarken, die an bestimmten Stellen einzulösen waren. Und wenn Richard Overy, der den sog. "NS-Wirtschaftsaufschwung" noch relativ positiv bewertet, zu einem solchen Schluss kommt, dann ist mit Zweifelnern und Kritikern wie Ritschl oder Buchheim wohl eine nahezu Wirkungslosigkeit der NS-Beschäftigungspolitik zumindest 1933/34 zu vermuten.

Nachweis: Richard J. Overy, »Unemployment in the Third Reich«, in: ders.: War and Economy in the Third Reich, Oxford: Claredon Press, 1994, S. 37-67, hier: S. 50. Eine Fußnote gibt es auch noch dazu. Die verweist auf: Fritz Petrick, »Eine Untersuchung zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit unter der deutschen Jugend in den Jahren 1933 bis 1935«, Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1967/1, S. 290.

Eine einschlägige Arbeit von Albrecht Ritschl ist: »Hat das Dritte Reich wirklich eine ordentliche Beschäftigungspolitik betrieben?«, Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 2003/1, S. 125-140 (als PDF-Datei hier).

Jorge Semprún, Sie sind toll.

"Apenas hubieron pedido [el almuerzo, chglk.], José María comenzó a contarle su entrevista con Benedetto Croce. Pero Mercedes no escuchaba. Y es una lástima, porque la falta de atención de Mercedes Pombo va a impedirnos conocer el contenido de la conversación, uno de cuyos temas esenciales fue el papel de los filósofos -y más genéricamente también, de los intelectuales- en los sombríos tiempos de las dictaduras. Finstere Zeiten, «tiempos oscuros», decía José María."

Mercedes hatte nämlich am Vormittag im Museo di Capodimonte in Neapel Artemisia Gentileschis Judit köpft Holofernes gesehen und war ob dessen Fleischlichkeit nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen als den, mit ihrem Gatten auf das Hotelzimmer zu gehen und ihre vom Hl. Augustinus lange behütete Unschuld zu verlieren.

Sie erinnert es zwanzig Jahre später und Jorge Semprún führt uns vor Augen, wie einzigartig die Erinnerungen des einzelnen sind (José María Avendaño hätte sich, wäre er nicht wenig später von einem Pöbel erschossen worden, auch an ein Gespräch mit Keynes im Jahre 1930 erinnern können, aber es sind nicht nur seine Begegnungen mit großen Männern, die ihn interessant machen).

Als Nebeneffekt zieht eine Postkarte von Mercedes' Sohn Lorenzo(möglicherweise infolge der Betrachtung gezeugt) den Wert ihrer eigenen Erinnerungen in Frage: Das Werk von Gentileschi hänge in den Uffizien in Florenz, nicht in Neapel. Mercedes hingegen erinnert, dort ein anderes, weniger eindrückliches Gemälde mit selbiger Thematik gesehen zu haben. (Tatsächlich gibt es aber in beiden Museen einen Judit und Holofernes von Gentileschi, in Neapel die Version von 1612, in Florenz diejenige von 1620.)

Nun ja, in jedem Fall spielt Semprun meisterhaft mit Erinnerung, fehlendem Wissen, Wissensvorsprung, Rückgriffen, Subjektivitäten, Zitaten und allem, was die "objektive" Rekonstruktion von Ereignissen erschwert, und führt dem Leser dabei noch genüsslich alles vor Augen. Zwanzig Jahre und ein Tag, das "eigentlich" von einem Zusammentreffen in der spanischen Nachkriegszeit (im Juni 1956) handelt, sollte jeder Geschichtsstudent am Anfang seines Studiums lesen. Es zeigt ihm wie diffizil sein Aufgabenfeld ist, und wie wenig von dem, was in der Vergangenheit war, ordentlich rekonstruiert werden kann. Und dass die "objektiven Tatsachen" dabei das uninteressanteste sein können.

Nachweis: Jorge Semprún, Veinte años y un día, Barcelona: Tusquets, 2003 (6. Auflage Mai 2004), S. 62.

Mythen aus der Schlange

- "Ich hab mal im »Universam*« eine lustige Szene beobachtet...
- Ja?
- Ja. Eine gigantische Schlange. Aber die Regale drinnen - leer...
- Leer?
- Leer. Aber durch die Scheiben sieht man, wie sie Würstchen einschweißen. Einen ganzen Berg.
- Hm...
- Und plötzlich - wamm! - werfen sie den ganzen Berg auf die Regale!
- Und dann?
- Wie die Piranhas! Rapp, rapp, und wieder nichts mehr da. Und wieder die Regale leer und die Schlange friedlich, friedlich."


Ob derartige Geschichten wohl im heutigen Russland noch über die Sowjetunion der 80er Jahre erzählt werden?

Nachweis: Vladimir Sorokin, Die Schlange. Aus dem Russischen von Peter Urban, Zürich: Hafmans, 1990, S. 192f.

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* "Universam: Many of these once sparse self-serve Soviet supermarkets have rapidly modernized their facilities and improved their quality and selection of goods. Canned and packaged goods, juices, pots, tableware, soap, paper products, dry goods, as well as meat, bread, fruits and vegetables can be found here. If this trend continues, they will all become true supermarkets. (von hier)

Einer geht, drei kommen

"El gobierno de Bombita terminó cuando una de sus hijitas decidió casarse justo en la noche en que otros militares le iban a dar el golpe de estado. El les pidió que ni interrumpieran la recepción y les juró que a la mañana siguiente se volvería a su Pujilí natural porque ¿qué les iba a decir a sus invitados?, ¿cómo le iba a dejar a su hijita los regalos que le habían invitado ya?, ¿quién se iba a comer el pastel de bodas?"

General Guillermo Rodríguez Lara war vom 6. Februar 1972 bis zum 11. Januar 1976 Präsident Ecuadors. Er hatte (relativ) volle Staatskassen durch die angelaufene Erdölförderung (in der Energiekrise) und wurde schließlich von den Generälen Poveda, Durán und Franco abgesetzt. Ob es wirklich am Tag seiner Hochzeit war, konnte nicht verifiziert werden. Bereits um den 31. August 1975 herum hatten Militärs des Heeres versucht, ihn abzusetzen. Dieser Putschversuch ging als "Guerra de la Funeraria" in die Geschichte Ecuadors ein, da die Soldaten unter General Raúl González Alvear aus der Funeraria Quito, einem Bestattungsinstitut, heraus den Präsidentenpalast attackierten und trotz ihres Scheiterns an selbigem beträchtlichen Schaden verursachten.

Nachweis: Francisco Febres Cordero, »Guillermo Rodríguez Lara«, in: (ders.), Los hijos del suelo, Quito: Planeta del Ecuador, 2005, S. 156.

Auch Inquisition ist Bürokratie

"En las segunda mitad del siglo [XVIII, chgl.], muy mediatizada la Inquisición por el gobierno, los lectores de obras censuradas aumentan al proliferar las licencias concedidas a los intelectuales y a las sociedades económicas, lo que explica el renacimiento intelectual del país. Por otro lado, la lentitud del procedimiento inquisitorial permite a los textos expedientados deambular con impunidad, como en el caso de los ensayos de Locke, que tardarían setenta años, una vez abierto el proceso."

So sah ein Teil der Aufklärung in Spanien auf, als Karl III. und sein Sohn Karl IV. Könige waren. Besonders ersterer macht sich als "aufgeklärter Despot" einen Namen. Er förderte Wissenschaft und Wirtschaft (unter anderem ließ er die Ausgrabungen in Pompeii beginnen) und versuchte gleichzeitig den Einfluss der Kirche zurückzudrängen, indem er die Macht der Inquisition beschnitt, den Erwerb von Land durch die sog. toten Hände (Kirche und religiöse Orden) einschränkte und 1767 die Jesuiten aus Spanien und seinen Kolonien vertrieb. Sein Sohn Karl IV. regierte weniger glücklich: Er verliess sich auf seinen Favoriten Manuel Godoy, der gleichzeitig Liebhaber der Königin war und in Spanien zunehmend in Ungnade viel, als er im Gegenzug zur Französischen Revolution die Aufklärung fahren ließ und einen konservativen Despotismus praktizierte. Durch den Aufstand von Aranjuez (1808) schließlich wurde Karl IV. durch seinen Sohn zur Abdankung gezwungen. Dieser regierte nur kurz als Ferdinand VII., bis er am 5. Mai 1808 von Napoleon zur Abdankung gewungen und durch dessen älteren Bruder Joseph ersetzt wurde. Nach dessen Sturz und Vertreibung 1814 kehrte Ferdinand zurück und regierte bis 1833. Da er keinen Sohn hatte, kam es nach seinem Tod zu kriegerischen Thronstreitigkeiten zwischen seiner Tochter Isabel und dem Prätendenten Don Carlos María Isidro, den sogenannten Carlistenkriegen. Aber das führt viel zu weit.

Nachweis: Fernando García de Cortázar und José Manuel González Vesga, Breve Historia de España, Madrid: Alianza, 2000 (Alianza »Área de conocimiento: Humanidades«), S. 408 (Originalauflage ebendort 1994).

Spanien in den Zeiten der Gegenreformation

"El desmedido incremento de eclesiásticos, cuyo número se duplica en el siglo XVII, cayó como pesada losa sobre la economía. Curas, frailes y monjas congestionan las grandes ciudades y levantan airadas protestas de los regidores públicos y hasta religiosos. Junto a las motivaciones espirituales, herencia de una sociedad devota, el hambre y la huida del fisco y la milicia convencieron a una pléyade de cristianos a buscar refugio en los claustros."

Als Hort des Katholizismus und als Ergebnis der Rekatholisierung Spaniens und der Ordensreformen wird Spanien unter den Habsburgern Philipp II., III., IV. und Karl II. im 16. und 17. Jahrhundert zum Zentrum der Kontrarevolution, was – wie wir sehen – seinen ganz eigenen Folgen hatte. Die vielfach bis heute nachwirken, wenn man Spaniern und Hispanisten glauben darf.

Nachweis: Fernando García de Cortázar und José Manuel González Vesga, Breve Historia de España, Madrid: Alianza, 2000 (Alianza »Área de conocimiento: Humanidades«), S. 274 (Originalauflage ebendort 1994).
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